DGhK-Vortrag Underachievement – ein Bericht

15. Oktober 2009 Stefan Hinz

dghk-bb.2009-10.vortrag-underachievement.auditorium3Heute hatte ich das Vergnügen, dem Vortrag von Kajsa Johansson über Underachievement beiwohnen zu dürfen. Disclaimer: Ich war selbst federführend an der Organisation des Vortrags beteiligt, daher bin ich nicht notwendigerweise objektiv.

Ich hatte das sehr ausführliche Handout gelesen. 17 Seiten PDF, unbedingt empfehlenswert für jeden, der den Vortrag verpasst hat. Allerdings war ich nach der Lektüre nicht mehr sicher, dass mir der Vortrag noch Neues bieten würde. Aber als Organisator musste ich natürlich dabei sein und eine kurze Einführungsrede halten. Jedenfalls ging ich mit der Erwartung hin, eher meine Zeit abzusitzen. Ich wurde gründlich enttäuscht.

Ich habe schon etliche Vorträge zum weiten Thema Erziehung gehört, aber dieser hier war definitiv einer der besten. Underachievement (Definitionsversuch: erwartungswidrige schulische Minderleistung bei hochbegabten Kindern) ist nicht gerade ein Thema, das zu Späßen anregt, aber Frau Johansson schaffte es an vielen Stellen, das Publikum zum Lachen zu bringen, oft genug über sich selbst und die Fehler, die man (als Lehrer und Eltern) gemeinhin macht, wenn man mit “widerborstigen” Hochbegabten konfrontiert wird. Der Vortrag glitt aber nie ins Komödiantische oder Unverbindliche ab, sondern blieb stets fokussiert am gar nicht so lustigen Thema.

Obwohl der Vortrag ohne jede Technik auskam (kein Projektor, kein Powerpoint, nichts Multimediales), war der rote Faden stets erkennbar:

  • Los ging’s mit der Definition, oder vielmehr mit dem Definitionsversuch, denn schon hier machte Frau Johansson deutlich, dass die Multikausalität von Underachievement eine präzise Definition kaum erlaubt. Es gibt nicht “die eine Ursache”, sondern stets ein ganzes Puzzle von Vorfällen, Vorgeschichte und aktueller Situation, aus denen Underachievement entsteht.
  • Weiter ging’s mit der Analyse. Hochbegabung wird oft genug nicht erkannt, woraus sich bereits ergibt, dass auch Underachievement sich nicht trivial vom Stören des Unterrichts durch normal begabte Schüler abgrenzen lässt. Aber Underachievement kann auch ganz andere Facetten haben: So können völlig unauffällige Kinder ihre Leistungen als nicht angemessen erleben. Auffällige Underachiever sind meist männlich, unerkannte Underachiever dagegen meist weiblich.
  • dghk-bb.2009-10.vortrag-underachievement.auditorium1Wie entwickelt sich ein hochbegabtes Kind eigentlich zum Underachiever? Die knappe Antwort hierauf lautet, dass seine Erfahrungen in der Grundschulzeit (Langeweile, aber auch das ständige Alles-fliegt-mir-zu-Erlebnis) zu einer schlechten Vorbereitung auf die Lernsituation in weiterbildenden Schulen führen. Warum sich anstrengen, warum das Lernen lernen, wenn es auch ohne jede Anstrengung ging?
  • Fast unvermeidlich entwickelt sich aus dieser Attitüde der Absturz bei schulischen Leistungen. Das Kind stört, “nervt”, weicht bereits einfachen Anforderungen aus (“kann ich sowieso nicht, brauche ich gar nicht probieren”). Symptomatisch ist ein negatives Selbstbild mit Fehlattributionen: “Ich bin blöd”, “das werde ich nie lernen”, “meine Lehrerin hat mich nur gelobt, weil sie einen guten Tag hatte” oder “die gute Note in diesem Aufsatz ist reines Glück, beim nächsten Mal gibt’s garantiert wieder eine schlechte Note”.
  • Darauf folgend kamen die typischen Symptome von Underachievern:  hohe Sensibilität, geringe schulische Motivation, unzureichende Selbststeuerung. In außerschulischen Bereichen sind Underachiever aber oft extrem motiviert und kreativ. Ein Beispiel war ein Junge, der in seiner Freizeit Taschenrechner zu Spielekonsolen umprogrammierte und damit einen schwunghaften Handel im Internet betrieb, von dem seine Eltern nichts wussten.
  • dghk-bb.2009-10.vortrag-underachievement.auditorium2Wie behebt man denn Underachievement? Frau Johansson machte zunächst einmal deutlich, dass man sich von einfachen, schnellen Lösungen verabschieden sollte. Weil die Ursachen komplex sind, ist auch die Lösung nicht trivial. Underachiever lassen sich nicht mittels einfacher Maßnahmen “reparieren”. Vielmehr muss man erstens dem Ursachengeflecht gegenübertreten, was insbesondere für Eltern schmerzvoll sein kann, denn die Ursachen liegen oft in den Erwartungshaltungen oder eigenen Problemen der Eltern. Das verdeutlichte die Referentin, indem sie einen Zuhörer nach vorn bat, der “einfach nur” eine Katze auf ein Blatt Papier zeichnen sollte. Dabei setzte sie ihn mit Kommentaren zum Fortschritt seiner Arbeit gehörig unter Druck. Das Feedback aus dem Publikum verdeutlichte, dass Druck wohl kaum das geeignete Mittel sein kann, Underachievement wirkungsvoll entgegen zu steuern. Zweitens liegen Probleme nicht (nur) beim leistungsgestörten Kind, sondern meist auch (oder sogar überwiegend) bei Projektionen der Eltern, die ihre eigene Schulzeit in ihr Kind projizieren.
  • Drittens sollten wir uns von Schuldzuweisungen verabschieden. In Deutschland herrscht eine negative Streitkultur vor, die Eltern gegen das Kind, Eltern gegen Lehrer und Lehrer gegen Eltern und Kind ausspielt. Wie wäre es, wenn wir uns nicht auf die Ursachen für das Negative, sondern die Möglichkeit zur Veränderung aufs Positive konzentrieren würden? Können Lehrer sich tatsächlich darauf einlassen, Underachiever gezielt zu fördern? Na klar geht das – vorausgesetzt, dass sie von einem Netzwerk von anderen Lehrern und Eltern unterstützt werden, und das geht natürlich nur, wenn diese Gruppen mit- und nicht gegeneinander arbeiten.
  • Weiter ging’s mit diversen konkreten Möglichkeiten und Handlungsanweisungen, Underachievement anzugehen, indem Selbststeuerung und Abbau des negativen Selbstkonzepts angestrebt sowie Zielvereinbarungen, konsequentes Feedback und ausreichend Zeit für die Veränderung der negativen Situation vereinbart bzw. verinnerlicht werden.

Es gab noch so viel mehr, was ich hier gerne berichten würde. Schauen Sie einfach mal ins Handout, dann werden Ihnen einige Dinge begegnen, die ich hier nicht (oder nicht ausreichend) bedacht habe. Nach gut zweieinhalb Stunden Vortrag und Fragen & Antworten war es für Frau Johansson jedenfalls höchste Zeit, zum Hauptbahnhof zu fahren, um ihren Zug zurück nach Hamburg zu erwischen. Ich hoffe, wir werden sie bald einmal wieder in Berlin begrüßen dürfen!

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